Abstracts Herbstsemester 2022

Wie käuflich ist die Schweizer Politik?

Martin Schläpfer
Ehemaliger Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik beim Migros-Genossenschaftsbund und Journalist
Mittwoch, 21. September 2022, 14:30 Uhr

Der Ruf nach Transparenz in der Schweizer Politik wird lauter. In den Kantonen Schwyz und Freiburg sind Volksinitiativen angenommen worden, die verlangen, dass Parteispenden offengelegt werden. Auch national ist ein entsprechendes Volksbegehren hängig. Genauso wie die Parteienfinanzierung ist das politische Lobbying in der Schweiz nur marginal geregelt. Berufslobbyisten sind nicht akkreditiert, sondern sind von Ratsmitgliedern abhängig, die ihnen einen Zutrittsbadge verschaffen, was immer wieder zu Kritik führt. Eidgenössische Parlamentarierinnen und Parlamentarier verstehen sich oft als die besseren Lobbyisten und sind bei der Annahme von Mandaten wenig wählerisch. Gezielt werben Verbände und Firmen Ratsmitglieder an, nicht weil sie besonders kompetent sind, sondern in einer für sie relevanten Kommission sitzen. Die Schweiz hat beim Lobbying Nachholbedarf. Im Vergleich zu andern Ländern Europas ist sie lediglich Mittelmass; vorab bei der Transparenz schneidet sie schlecht ab, wie kürzlich eine Studie von Transparency International ergab.

Antibiotikaresistenz – Entstehung, Verbreitung und Lösungsansätze

Prof. Dr. Marus Seeger
Medizinische Mikrobiologie UZH
Mittwoch, 28. September 2022, 14:30 Uhr

Pathogene Bakterien werden zunehmend resistent gegenüber Antibiotika. Doch welche molekularen Grundlagen stecken hinter verschiedenen Formen von Antibiotikaresistenz? Und gibt es Lösungswege, welche aus der Antibiotikakrise herausführen könnten? Der allgemeine Teil des Vortrags wird mit Beispielen aus unserer eigenen Forschung zum Thema bereichert.

Trauma und Traumafolgestörungen: Individuelle und gesellschaftliche Dimensionen

Prof. Dr. Andreas Maercker
Psychologie und Klinische Intervention UZH
Mittwoch, 5. Oktober 2022, 14:30 Uhr

Trauma und Traumafolgestörungen sind heute akzeptierte psychische Erkrankungen und als häufige Ursachen von Leid und Beeinträchtigung anerkannt. Der Vortrag gibt eine Übersicht über den Begriff «Trauma», die «Posttraumatische Belastungsstörung» sowie damit verwandte Begriffe wie «Anhaltende Trauerstörung» und «Posttraumatisches Wachstum». Dank neuer therapeutischer Entwicklungen lassen sich viele Traumafolgestörungen inzwischen gut behandeln. Ein Teil des Vortrags wird den Kontroversen um den Traumabegriff in Politik, Geschichte und Kultur gewidmet werden.

Generationenbeziehungen in der Schweiz

Prof. Dr. Marc Sydlik
Soziologisches Institut UZH
Mittwoch, 12. Oktober 2022, 14:30 Uhr

Mutter, Vater, Tochter, Sohn. Der Vortrag widmet sich den Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern in der Schweiz. Es geht um Zusammenhalt und Solidarität, aber auch um Spannungen, Konflikte und Ambivalenzen. Die Befunde basieren auf dem neuen grossen Generationenprojekt «SwissGen» mit über 10’000 Befragten von 18 bis 100 Jahren in allen Landesteilen und Kantonen.

«Je mehr ich scheitere, desto erfolgreicher bin ich» – Eine Hommage zum 120. Geburtstag von Alberto Giacometti

Dr. phil. Martina Kral
Kunsthistorikerin, Kuratorin der Sammlung Rosengart Luzern 2002 – 2019
Mittwoch, 19. Oktober 2022, 14:30 Uhr

1901 wurde Alberto Giacometti im Bergell als Sohn des neo-impressionistischen Malers Giovanni Giacometti geboren. Schon früh interessierte er sich fürs Zeichnen und Malen, entschied sich jedoch als 21-jähriger für ein Studium der Bildhauerei in Paris. Der schroffen Gebirgswelt seiner Heimat blieb er Zeit seines Lebens zutiefst verbunden und schuf zwischen diesen beiden Polen ein einzigartiges grafisches, zeichnerisches wie bildhauerisches Oeuvre von beeindruckender Modernität. Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Stationen von Giacomettis Ausbildung sowie seiner künstlerischen Entwicklung und gibt anhand zahlreicher Werkbeispiele einen Einblick in das Schaffen wie in das Denken dieses unermüdlich arbeitenden, selbstkritischen Bildhauers, dessen dünne Figuren noch heute erstaunen.

Was kommt nach den Institutionen der Industriegesellschaft?

PD Dr. Hanno Scholtz
Soziologisches Institut UZH
Mittwoch, 26. Oktober 2022, 14:30 Uhr

Die Soziologie hat die postindustrielle Gesellschaft schon vor 50 Jahren ausgerufen, aber erst seit 2001 steigt die Sorge, dass die «Zweite Moderne» (Ulrich Beck) mit Wirtschaftskrisen, Migration, Populismus und neu mit der Unfähigkeit zum Klimaschutz in eine ähnlich tiefe Krise hineinsteuert wie die erste Moderne zwischen 1914 und 1945. Können wir aus der Parallele der beiden Krisen etwas lernen?

Welche Stärken habe ich? Charakter, Tugend und der Zusammenhang zum Wohlbefinden

Dr. Jennifer Hofmann
Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik UZH
Mittwoch, 2. November 2022, 14:30 Uhr

Die Psychologie war traditionellerweise defizitorientiert. Man leistete Beiträge zur Definition, Diagnose und Behandlung von Störungen und der Evaluation der Behandlungen. Mit der Positiven Psychologie (PP) tritt nun ein Perspektivenwechsel auf, welcher hilft, die Psychologie wieder zu komplettieren. Die PP beschäftigt sich mit den psychologischen Aspekten des Lebens, die es lebenswerter machen und forscht verstärkt in den drei Bereichen: 1. Positives Erleben (z.B. Glück, Lebenszufriedenheit, Flow, Heiterkeit), 2.Positive Persönlichkeitseigenschaften (z.B. Charakterstärken, Tugenden) und 3.Positive Institutionen (d.h., Institutionen, die positive Erfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften ermöglichen, unterstützen und fördern). In diesem Vortrag werden zuerst die Hintergründe und Entstehung der Klassifikation von 24 Charakterstärken nach Peterson und Seligman (2004) beleuchtet. Sie lernen Ergebnisse zum Zusammenhang der Stärken mit Wohlbefinden kennen und lernen einige Ergebnisse zu Stärkennutzung und Stärkentraining kennen. Sie erhalten auch konkrete Vorschläge zu Übungen, die Sie leicht im Alltag ausprobieren können und die nachweislich das Wohlbefinden steigern können.

KulturTransfer – Kultur als Transfer: Wie fast alles, das uns vertraut ist, eigentlich einen Migrationshintergrund hat

Prof. Dr. Oliver Lubrich
Institut für Germanistik, Universität Bern
Mittwoch, 9. November 2022, 14:30 Uhr

Wilhelm Tell ist ein Einwanderer aus der skandinavischen Mythologie, den ein deutscher Dichter in die Schweiz eingeschleust hat. Der spitze Hut der Magier im Märchen, zu «Halloween» oder bei «Harry Potter» diente im Mittelalter dazu, Juden zu kennzeichnen. Das Wort «Tabu», das in unserer Psychologie kaum mehr wegzudenken ist, brachte James Cook aus der Südsee mit. Der Name des Online-Händlers «Amazon» geht zurück auf den eines südamerikanischen Flusses – und dieser wiederum auf die Legenden von einem zentralasiatischen Frauenvolk. Fast alles, was uns vertraut ist, hat einen Migrationshintergrund. Was Fundamentalisten für «ureigen» halten, ist eigentlich fremd. Was wir «Kultur» nennen, ist immer auch das Ergebnis eines «Transfers». Objekte, Symbole, Ideen und Begriffe wandern und verändern dabei ihre Bedeutungen. Der Vortrag gibt einen Ausblick auf eine Sammlung von Fallbeispielen, die der Referent zusammen mit dem Schriftsteller Raoul Schrott und dem Anthropologen Michael Toggweiler herausgibt: vom Kaffee und der Kartoffel über den Weihnachtsmann oder Superman bis zum Hitlergruss und zum Hakenkreuz.

Beim Träumen das Gehirn aufräumen

Prof. Dr. Fred Mast
Institut für Psychologie, Universität Bern
Mittwoch, 23. November 2022, 14:30 Uhr

Unsere Wahrnehmung ist weitaus komplexer als wir annehmen. Wir haben keinen direkten Zugang zu der Welt, die uns umgibt. Lediglich die Rezeptoren in unseren Sinnesorganen bilden die Brücke zur Aussenwelt. Die Informationen unserer Sinnesorgane sind aber nicht hinreichend für die Welt, wie sie sich in unserer Wahrnehmung präsentiert. Wahrnehmung ist ein Produkt des Gehirns, das die Informationen von den Sinnesorganen wie ein Statistiker auswertet. Das Ergebnis der Auswertung geschieht ohne Verzögerung, in Echtzeit. Unsere Wahrnehmung ist dabei durch Vorwissen, Erwartungen und Annahmen geprägt. Deswegen ist unser Gehirn sogar fähig, Wahrnehmung ohne Information von den Sinnesorganen zu erzeugen. Und dadurch entstehen Träume, die uns das Bewusstsein im Schlaf zurückbringen.

Plastik und Umwelt – ein vielschichtiges Problem

Prof. Dr. Bern Nowack
Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA
Mittwoch, 30. November 2022, 14:30 Uhr

Durch die Entdeckung von Mikroplastik – Plastikteilchen kleiner als 5 mm – in Umweltproben auf der ganzen Welt und den Bildern von schwimmenden Plastikinseln im Meer ist aus einem der wichtigsten Materialien des 20. Jahrhunderts ein Problemstoff geworden. Dies hat zu intensiven Diskussionen in der Gesellschaft geführt, wie mit dem Plastik umzugehen ist. Die Rufe nach Lösungen des Plastikproblems in der Umwelt werden lauter. Es muss jedoch festgestellt werden, dass in vielen Diskussionen verschiedene Aspekte des Plastikproblems in einen Topf geworfen werden und falsche Schlussfolgerungen zu möglichen Lösungen gezogen werden. Dieser Vortrag soll dazu dienen, die verschiedenen Aspekte von «Plastik und Umwelt» zu beleuchten und aufzuzeigen, wie sie zusammenhängen oder ob sie separat betrachtet werden müssen.

Schwitzen Wiesen und Wälder so wie wir?

Prof. Dr. Nina Buchmann
Dept. Umweltsystemwissenschaften ETHZ
Mittwoch, 7. Dezember 2022, 14:30 Uhr

Und woher kommt dieses Wasser? Meist kommt das Wasser mit dem Regen und wird im Boden eine Zeit lang gespeichert. Dort nehmen die Pflanzen es dann mit ihren Wurzeln auf und transportieren es durch die Stängel und Stämme in die Blätter, wo es verdunsten kann. Bei der Verdunstung wird flüssiges Wasser zu Wasserdampf. Dabei wird Energie frei und kühlt das Blatt, ähnlich wie unsere Haut kühler wird, wenn wir schwitzen. In einer Wiese oder in einem Wald gibt es sehr viele Blätter und viele Oberflächen. Daher ist es dort auch immer kühler als zum Beispiel auf einem Parkplatz. Weil es in einer Wiese und in einem Wald viele Pflanzenarten gibt, die unterschiedlich gross und breit sind, machen sie sich ihren Schatten zum Teil selbst. Was das für den Wasserbedarf bedeutet, wird im Vortrag dargestellt.

Anders arbeiten in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum

Prof. Dr. Irmi Seidl
Eidgenössische Forschungsanstalt WSL
Mittwoch, 14. Dezember 2022, 14:30 Uhr

Der hohe Ressourcenverbrauch und die Emissionen unseres Wirtschaftens sprengen die planetaren Grenzen. Trotzdem halten viele in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Ziel fest, die Wirtschaftsleistung weiter zu steigern. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Wirtschaftswachstum ausreichend Arbeitsplätze schaffen soll. Dem Vortrag zugrunde liegt die These: Wir brauchen eine Relativierung der Erwerbsarbeit, um uns aus der Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum lösen und innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften zu können. Voraussetzung dafür ist eine neue Gewichtung von Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit sowie ein Umbau der Systeme der sozialen Sicherung und der Besteuerung, die bislang wesentlich auf Erwerbsarbeiten beruhen. Auch brauchen wir mehr Zeit, Infrastrukturen und Anerkennung für andere Tätigkeiten als Erwerbsarbeit.